Confluencia Rio Baker und Rio Neff

Patagoniacs: Patagonien-Begeisterte plaudern aus dem Nähkästchen

Sarah-und-Constantin-vor-der-Laguna-de-los-Tres-mit-Fitz-Roy-im-Hintergrund-min Sarah und Constantin vor dem ´rauchenden Berg´ Fitz Roy an der Laguna de los Tres - (C) Constantin Schoernig

Auf meinem Blog kommen auch andere wander- und reiselustige Menschen zu Wort. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie dem Zauber Patagoniens erlegen sind, eben echte "Patagoniacs". Sie erzählen hier ungeschminkt und realitätsnah von den Erfahrungen auf ihren Reisen oder dem Leben vor Ort und ersparen uns damit einige wichtige Lektionen, die mit ihren Tipps galant umschifft werden können. Als erstes starten Sarah und Constantin aus Leipzig:

 

Warum Patagonien?

Wir schwärmen noch heute von der Vielfältigkeit der Natur, den extremen Bedingungen des Wetters und spektakulären Ausblicken - fast ein Jahr nach unserer Reise. Es standen unzählige Destinationen in Lateinamerika zur Debatte, aber irgendwie hatte es uns Patagonien am meisten angetan. Einer der Gründe dafür war leider auch, dass die Natur in Patagonien nicht auf uns warten würde. Der Klimawandel beeinflusst auch diesen entlegenen Teil der Welt, vor allem die zahlreichen Gletscher, für die Patagonien berühmt ist.

 

Wie würdet Ihr Patagonien in eigenen Worten beschreiben?

Patagonien zu beschreiben ist unglaublich schwierig, weil es so voller Widersprüche steckt. Wenn man Patagonien jenseits des Hypes betrachtet, der von Tourismusverbänden angekurbelt wird, ist es nüchtern betrachtet nicht das ideale Urlaubsland. Die Distanzen sind unglaublich riesig und man braucht ewig, um Landstriche zu durchqueren. Die Ebenen sind karg, phasenweise weht ein schon fast lebensbedrohlicher, brutaler Wind und sowohl Flora als auch Fauna haben unter diesen Wetterbedingungen kaum Chancen zu überleben. Dementsprechend leer wirkt das Land. Es gibt keine warmen Sandstrände, die Natur ist gnadenlos, es ist meist kalt und das Wetter kann unglaublich nervenaufreibend sein.

Und dennoch strahlt Patagonien eine unglaubliche Magie und Faszination aus. Ein Deutscher, den wir unterwegs beim Wandern trafen, erzählte uns, dass er als Jugendlicher vor zwanzig Jahren zwei Wochen am Fitz Roy gezeltet hat, viel gewandert ist und gefühlt ewig gewartet hat, dass sich der Nebel und die Wolken um den Gipfel lichten. Nach zwei Wochen ist er abgereist, ohne den Fitz Roy auch nur einmal kurz gesehen zu haben. Und dennoch war er so fasziniert, dass er in den nächsten Jahren mehrere Male zurückgekehrt ist.

 

Blick auf Fitz Roy Kette vom Campamento Poincenot min

 

Wer sich in die Natur wagt, kann mit spektakulären Eindrücken rechnen. Kalbende Gletscher, spektakuläre Berge und reißende Flüsse prägen die Landschaft. Man kann durch verzauberte Südbuchen-Wälder streifen, in denen man sich fragt, ob wohl gleich ein Hobbit aus dem Unterholz springen wird. Der Mangel an Menschen (abseits der beliebten Hauptwanderwege und -reiserouten) und die fehlende Ablenkung konfrontiert den Reisenden schließlich mit sich selbst. Wer reist, um vor seinen Sorgen zu Hause davonzulaufen, sollte Patagonien meiden. Wer die Stille, die Ruhe, die ungezähmte Natur und die unendliche Weite sucht, wird sie in Patagonien finden.

 

Was war der magischste Moment auf Eurer Reise?

Die Stimmung auf dem Zeltplatz beim Felsen von Piedra del Fraile am ersten Abend unserer Trekkingtour. Während der Nebensaison teilten wir uns den Zeltplatz lediglich mit ein paar Kühen. Als die Sonne dann unterging, wurde uns bewusst, dass wir an diesem Ort vollkommen gelöst von jeglicher Zivilisation waren. Die Tatsache, dass das dazugehörige Refugio geschlossen war, vermittelte eine gewisse Endzeitstimmung und verstärkte das Gefühl der Abgeschiedenheit und einer daraus erwachsenden Freiheit. Der Moment, in dem uns diese Freiheit bewusst wurde, hat tatsächlich die vielen folgenden, ebenso spektakuläreren Eindrücke und Augenblicke übertroffen.

 

Blick auf Gletscher Marconi von Piedra del Fraile min

 

Was hat Euch überrascht?

In welchen exponierten und vermeintlich lebensfeindlichen Umgebungen sich Menschen schon in frühester Zeit ansiedeln konnten. Und mit welcher Brutalität, Menschenverachtung und Kaltblütigkeit die Europäer jenen indigenen Völkern jegliche Lebensgrundlage genommen haben. Besonders in den ewigen Weiten Patagoniens kann man schnell vergessen, dass wir als Europäer nicht die "Entdecker" dieses Landes waren, sondern dass Andere bereits vor uns hier gelebt haben.

Wer die Kultur, Mentalität und die Modernisierung Lateinamerikas verstehen will, wird nicht umhin kommen, sich mit den Folgen europäischer Kolonialgeschichte zu beschäftigen.

 

Was hat Euch weniger gefallen?

Was uns leider häufig - nicht nur in Patagonien - bei unseren Wander- oder Bergtouren begegnet: Touristen, die der Natur nicht die Wertschätzung und Respekt entgegenbringen, der ihr gebührt. Da war z.B. ein Typ, der im Nationalpark mehrere Tage hintereinander sowohl die Menschen als auch die Tiere stundenlang mit seiner Drohne genervt hat. Jeder wusste, dass er dort nicht fliegen darf und dass es viele gute Gründe für dieses Flugverbot gibt. Wir halten nicht viel von einem Übermaß an Regeln. Allerdings meinen wir: Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die Freiheit der Anderen beginnt. Und dieser Grundsatz sollte insbesondere in der Natur gelten, wo Tiere ihre Rechte nicht einfordern können. Leider trifft man manchmal auf Menschen, die ihre eigenen Erinnerungen oder Geltungsbedürfnisse über die Anderer und vor allem der Tierwelt stellen. Wir haben ihn freundlich darum gebeten, seine Aktivitäten im Interesse aller einzustellen.

 

Drohnen sind im Nationalpark Los Glaciares verboten min

 

Was hättet Ihr rückblickend gerne anders gemacht?

Patagonien war ja nur ein Teil unserer Reise in Chile und Argentinien. Wir haben unglaublich lange Strecken von der Atacama-Wüste im Norden Chiles bis nach Patagonien, zur Peninsula Valdes, nach Buenos Aires und schließlich zurück nach Santiago de Chile per Bus und Flugzeug zurückgelegt. Wie viel Zeit diese Distanzen und vor allem die Organisation der Reise vor Ort uns kosten würden, haben wir eindeutig unterschätzt. Rückblickend hätten wir uns gerne mehr Zeit für weniger Stationen unserer Reise genommen. "Weniger ist Mehr" ist allerdings leichter gesagt, als dann tatsächlich umgesetzt.

 

Welchen Tipp habt Ihr für andere Patagonien-Reisende?

Eine gründliche Vorbereitung im Vorfeld erleichtert das Reisen enorm!

Neben einer soliden, wetterfesten Ausrüstung im Gepäck sollte man ausreichend Infos zur Infrastruktur vor Ort einholen. In Deinem Wanderführer gibst Du ja bereits jede Menge Tipps und Hinweise, was die Anreise zum Ausgangspunkt der Wanderungen, Geldautomaten, Einkaufen etc. betrifft - die uns wirklich sehr hilfreich gewesen sind. In anderen Gebieten von Argentinien und Chile waren wir nicht so gut vorbereitet und wenig mit der Umgebung vertraut. Nichts ist frustrierender, als wertvolle Zeit im Hostel vor dem Handy mit schleichend langsamen Internet bei der Recherche nach Miet-Autos, Bussen, Flügen, Unterkünften, Preisvergleichen usw. zu verbringen.

Man muss jedoch unserer Meinung nach nicht den ganzen Trip Tag für Tag durchplanen. Einen nach deutschen Maßstäben getakteten Zeitplan unter diesen Wetterbedingungen einzuhalten, ist fast unmöglich und führt nur zu Frustration und Stress. Zudem hält Lateinamerika immer Überraschungen jeglicher Art bereit. Ein Zeitpuffer von ein paar Tagen schadet also nie.

Der Vorteil einer vorbereiteten, aber größtenteils ungeplanten Reise liegt auf der Hand: Man kann sich bei der Wahl seiner Ziele und Wanderrouten spontan den Wetterbedingungen und anderen kurzfristigen Änderungen anpassen.

Anmerkung: Auch wenn eine Reise "der Nase nach" ein tolles Freiheitsgefühl erzeugt, so sind bei Reisen zu den touristischen Hotspots in der Hochsaison im Dezember und Januar dennoch Vorab-Buchungen empfehlenswert. Andernfalls verbringt man vor Ort wiederum viel Zeit mit der Suche nach geeigneten Unterkünften etc. und muss viele Kompromisse eingehen. Vorab-Reservierungen sind auch für Wanderwege notwendig, die über ein Buchungssystem organisiert sind. Bestes Beispiel ist hierfür Torres del Paine in Chile - spontan im Nationalpark wandern gehen ist leider seit einigen Jahren nicht mehr möglich.

 

Grey Gletscher Torres del Paine in der Nhe des Passes min 

Welche Erfahrungen nehmt Ihr mit nach Hause?

Wenn man sich die aktuelle Lage in Deutschland anschaut, klagen wir auf einem extrem hohen Niveau. Wir haben eine gut funktionierende Infrastruktur, haben gute Schulen, können studieren was wir wollen und fast jeder hat ein Dach über dem Kopf. Argentinien und Chile sind ja im Vergleich zu anderen südamerikanischen Ländern sehr europäisch geprägt, daher sind die Gegensätze hier nicht so krass. Doch wer aus Lateinamerika zurückkommt, wundert sich erst einmal, wenn auf dem Bahnsteig wieder über die zehnminütige Verspätung des Zuges gestöhnt wird. Diesen Eindruck, dass den Deutschen eine größere Portion Gelassenheit nicht schlecht bekommen würde, nimmt wohl jeder mit nach Hause. Aber man muss diese Lebenseinstellung bei aller Bewunderung auch nicht romantisieren. Denn der Grat zwischen Gelassenheit und Lethargie ist ein sehr schmaler. Wenn gar keiner kritisiert und alle entspannt bleiben, kommen auch keine Verbesserungen in Gang. Insofern können sich wohl beide Kulturen gegenseitig bereichern.

 

Würdet Ihr noch einmal nach Patagonien reisen?

Jederzeit! Es gibt dort noch so viel zu entdecken, insbesondere fernab der touristischen Zentren. Ich kann allen, die mit einer Reise nach Patagonien liebäugeln wirklich empfehlen, sich diesen Traum zu verwirklichen.

 

Rio La Leona min 

 

Ähnliche Beiträge

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Gast
Donnerstag, 21. November 2019